Der Mann im Smoking

Er kam an die Bar. Setze sich und bestellte zwei Gläser Champagner. Kein Wort von ihm, er schob mir das Glas zu und lächelte mich an. Er trug einen Smoking, seine Schuhe so sauber, ich hätte davon essen können.

Etwas selbstverliebt schaute er in den Spiegel der Bar und nippte an seinem Glas. In meinem Kopf gingen tausend Gedanken herum. Was wollte dieser interessant aussehende Mann hier und jetzt an der Bar von mir, wollte er überhaupt etwas von mir, oder würde er gleich wieder verschwunden sein und mich auf den zwei Gläsern sitzen lassen.




Mein Date hatte vor zwei Stunden das Hotel verlassen. Ich konnte nicht schlafen, hatte mir eine Jeans angezogen und einen Pulli, dazu Chucks. Ich hatte nur wenig bis gar keine Schminke aufgelegt. An der Bar wollte ich mich wegdämmern lassen. Der Kunde hatte mich ziemlich gefordert, einer der Brainfucker der ab heute auf der Blacklist stand. Er konnte sich allerdings ziemlich gut bewegen, was es zumindest etwas wett gemacht hatte.

Mister im Smoking spielte auf seinem Smartphone rum, trank seinen Champagner aus und sah mich an, dann mein Glas. Ich trank aus, nickte und er bestellte noch zwei Gläser.

Was macht ein Mann im Smoking um kurz vor halb Eins in einer Hotelbar? Hatte er auch ein Date, ist er auch einer der Typen die versuchen in ein Escort reinzukriechen und sie nicht nur zu vögeln, sondern sie auch seelisch nackt zu machen? Warum trank ich mit ihm? Kein sportlicher Typ, ein jungenhaftes Gesicht mit einem ironischen Lächeln. Tiefblaue Augen, aber nicht tiefseekalt, sondern mit einem Schimmer von Gold, als ob irgendwo hinter seinen Augen die Sonne aufgehen würde.

„Er hat sie genervt, oder?“

Nach über dreißig Minuten kamen, außer der Champagnerbestellung, Worte aus seinem Mund. Ein Wunder, wobei ich seine Frage als unverschämt empfand und erst einmal schwieg und das dritte Glas, welches nun einige Minuten vor mir stand, austrank und ihn ansah.

„Wer?“

Er sah sich wieder im Spiegel an, es nervte mich. Ich verzog mein Gesicht zu einer irgendwie bösen Grimasse und sah ebenfalls in den Spiegel.

„Es steht ihnen nicht gut, wenn sie so böse schauen. Schauen sie bitte wieder freundlich.“

Unfassbar dieser Typ.

„Wer hat mich genervt?“

Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Champagnerglas. Richtete sich auf, drehte sich zu mir, sah mir tief in die Augen.

„Ihr Gast, mit dem sie die letzten drei Stunden nach dem Abendessen auf dem Zimmer verbracht haben. Dann haben sie sich etwas gesammelt und sind dann hier an die Bar gekommen um ihren Frust wegzutrinken. Es passiert ihnen nicht oft, aber ab und an geht ein Termin schief. Es verletzt sie und sie trinken dann. Sie sind eine wunderbare und verletzliche Frau, eine die aus Freunde und aus Frust trinken kann. So wie ich, ich trinke aus Frust, aus Lust und einfach so.“

Jetzt wurde ich wütend, hatte er mich beobachtet. Ist dieser Typ ein Detektiv?

„Was sollen diese Fragen, haben sie mich beobachtet?“

Er seufzte, seine Schulter drückten sich durch, als ob er zum Angriff übergehen wollte. Der Barkeeper sah uns aus der Ferne zu und machte auch noch eine überflüssige Andeutung mit einem Blick auf die Uhr.

„Nein, ich habe mit meiner Frau im gleichen Restaurant zu Abend gegessen. Wir haben unseren Scheidungstag gefeiert. Unsere beste Entscheidung im Leben. Wir feiern diesen Tag nun schon über zehn Jahre und wir sehen uns einmal im Jahr wieder, ansonsten geht jeder seine Wege. Sie sucht das Lokal aus, ich ziehe mich hübsch an und manchmal schieben wir noch einen kleinen Erinnerungsfick auf der Toilette des jeweiligen Lokals.“

Der Smokingmann wollte mich hier wohl auf die Schippe nehmen.

„Niemals! Sie haben sich diese Geschichte eben gerade ausgedacht. Niemand, niemand feiert seinen Scheidungstag mit einem schönen Essen und einer Revivalnummer auf dem Klo im Resturant. Never, ever, sie wollen mich auf den Arm nehmen.“

Er griff in die Tasche seiner Hose und holte einen Zettel raus, er entfaltete ihn und gab ihn mir.  Darauf das Datum von heute, allerdings vor zehn Jahren. Dazu ein Zitat von Hesse.

Wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es auf jeden Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht.

Auf dem Zettel fand sich noch eine handgeschriebenes Danke und die Unterschrift einer Frau.




„Eine wunderbare Frau wie sie würde ich doch nicht für einen schlechten Scherz missbrauchen. Unsere Trennung ist ein Geschenk nach acht Jahren Krieg gewesen. Wir wurden bessere Menschen als wir uns nicht mehr jeden Tag ertragen mussten. Keine Kinder, fast keinen Besitz, außer der Villa, dem Boot und den Firmenanteilen. Dazu kein Ehevertrag. Wir haben alles in einer Nacht besprochen, hälftig geteilt und ich bin ausgezogen.“

Vor mir saß entweder eine begnadeter Schauspieler, oder er es hatte sich alles so zugetragen.

„Nehmen wir an es stimmt was sie mir erzählen, woher wissen sie den Rest, die zeitliche Abfolge, warum sind sie jetzt hier?“

Er bestellte eine Flasche Rotwein, genoß die Zeit bis die ersten Tropfen im Glas ankamen und schwieg. Er machte mich rasend, aber ich wollte nicht gehen. Auf seine Andeutung hin nickte ich und ließ mir ebenfalls einschenken. Geschmack hatte er, zumindest was mich und den Wein betraf.

„Nun, meine Ex-Frau und ich haben sie beobachtet. Wir haben dies schon immer getan und es hat sich ein Spiel daraus entwickelt. Wir stellen Vermutung an, wir deuten Dinge und dann, verzeihen sie mir, muss einer bis zum nächsten Jahr herausfinden ob es sich so zugetragen hat wie einer vermutet hat und der andere es ebenso deutlich verneint hat. Wer richtig lag, der muss den nächsten Jahrestag zahlen. So gesehen hat mich meine Phantasie zu den Annahmen geleitet und der Wunsch sie wiederzusehen. Dazu auch noch die Gewissheit, dass wenn ich sie, und ich muss sie noch einmal um Verzeihung bitten, als ziemlich teure Begleiterin einschätze, eine Chance habe mit ihnen ein paar Stunden in einem Bett verbringen zu können.“

Der Barkeeper zuckte als ich lauthals loslachen musste. Ich sollte so etwas wie ein Wetteinsatz sein, ich müsste nur Nein sagen und seine Frau müsste das Essen im nächsten Jahr zahlen. Nahm er das Gespräch auf, oder vertraute sie ihrem geschiedenen Mann so sehr.

„Ich koste für den Rest der Nacht und den halben Tag, mit Lunch, 2.400 €. Kein Karten, kein Paypal, keine Überweisung. Nur cash.“

Der Smoking ruckte, winkte der Barkeeper herbei. Drückte ihm 200 € in die Hand und bat ihn für Ungestörtheit zu sorgen. Dann tippte er etwas in sein Telefon. Bat mich kurz um Geduld und verschwand für ein paar Minuten aus meinem Blickfeld. Dann kam er wieder und gab mir einen Umschlag.

„Danke!“

Wir tranken den Rotwein aus und nutze die einsame Bar für uns.

Beim Lunch bedankte er sich noch einmal für die wundervolle Zeit und dafür, dass ich es ihm erspart hätte im nächsten Jahr den Jahrestag bezahlen zu müssen. Seine Frau sei es gewesen die mich entlarvt hätte. Er habe es nicht glauben wollen.

Wir verabredeten uns für das nächste Jahr am selben Tag, mit dem Versprechen von mir vorher keinen anderen Mann zu treffen und er würde auf seine Erinnerungsnummer verzichten.

Veröffentlicht von Champusgirl

Lebenslustige Berlinerin mit der Hometown Frankfurt. Beruflich in der Tourismusbranche unterwegs und als Escortdame eine Männersammlerin. Champagner mag ich wie kein zweites Getränk. ich liebe Reisen, intelligente Männer und gutes Essen (mehr als ein Salatblatt).

2 Kommentare

    • Hallo Sahra, ich hatte gerade Zeit und wollte dieses kleine, aber immer noch anhaltende, Erlebnis einmal festhalten und mit euch teilen.

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