Vorbereitung

notizbuch Die heiße Schokolade hatte gerade das erste Mal ihre Lippen berührt, da summte ihr verstecktes Handy. Eine kurze Nachricht auf dem Display fragte ob sie an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Zeit für sechs Stunden Zeit haben würde.

Neben ihrem versteckten Handy befand sich ihr kleiner schwarzer Timer, DIN A5, Ledereinband, schmale Linien, auf jeder Seite ein kleiner Kalender. Sie sah nach und überzeugte sich davon, dass sie keinen anderen Termin am Tag davor oder danach haben würde. Ihre Seele brauchte, mehr noch als ihr Körper, Ruhe vor einem solchen Termin.

Sie rief den einzigen Telefonbucheintrag an und plauderte kurz mit ihrer Ansprechpartnerin, bestätigte den Termin und bat um alle weiterführenden Details per Mail. Sie wollte noch wissen, ob der Mann der sie treffen wollte bereits bekannt sei und ob sie etwas zu beachten habe.

Sie bekam die gewünschten Auskünfte, dann lehnte sie sich zurück und trank ihre heiße Schokolade. Ihre Augen sahen den Blättern zu, die vom Wind von den Bäumen geholt wurden, die Sonne verschwand und die Dämmerung setzte ein. Ihre Gedanken kreisten um den Termin in drei Tagen. Im Mailpostfach kamen die weiteren Anweisungen für ihr Treffen an.

Sie schaute sich alles aufmerksam an, übertrug die Daten in das kleine Büchlein und löschte dann die Mail.

Sechs Stunden sind eine lange Zeit. Er würde etwas essen gehen wollen, sie möge sich Gedanken um das Restaurant machen, danach noch einen Drink, bitte nicht in der Bar des Hotels und dann sollte es für mindestens drei Stunden auf sein Zimmer gehen.

Akribisch plante sie den Verlauf des Termins, es müsste alles perfekt sein, auch schon damit das „Date“ wie es die Männer gerne nennen, für sie angenehm verlaufen würde.

Mit einer zweiten heißen Schokolade vor sich begann sie eine Mail an ihn zu schreiben, sie berichtete von dem bevorstehenden Treffen und was dies für ihre gemeinsame Planung bedeuten würde. Sie sah sein Gesicht vor sich, die Enttäuschung in seinen Augen, der Ärger der sich als Falte in sein Gesicht lag und sie spürte seine zarten Hände auf ihrem Gesicht, wenn sie sich wiedersehen würden.

„Send“. Die Mail würde ihn schnell erreichen, er würde sie sofort lesen und es würde nicht lange dauern bis sie den anstrengenden Part eines Treffens erledigen musste. Ihn zu trösten, in Sicherheit wiegen, ihm ihre Liebe versichern. Er ist der stärkste Mann der Welt dachte sie sich, aber wenn sie ihm eine ihrer Terminmails schrieb, dann zerbrach er für einige Stunden. Eine Träne ran ihre Wange herunter, sie wischte sie weg. Dunkelheit hatte sich über das kleine Studentenzimmer gelegt, der Laptop spendete noch etwas Licht.

Wie erwartet traf eine Nachricht ein.

Der Abend verging, die Nacht kam und ihre Gedanken kreisten im Bett liegend um die nächsten Tage. Ihre Augen wurden schwerer, ihre Hände streichelten über sein Hemd. Sie trug es immer wieder, wenn sie sich nach seiner Nähe sehnte. Langsam glitt sie ins Reich der Träume. Ein Reich das ihr in dieser Nacht keine schönen Stunden schenkte. Immer wieder wurde sie wach, immer dann wenn sie gerade von ihm träumte und sich plötzlich eines ihrer Treffen dazwischenschob. Sie küsste ihn, dann öffnete sie die Augen und sie schaute in ein zur Fratze verzogenes Gesicht eines anderen Mannes.

Am nächsten Morgen fühlte sie sich müde und leer, dabei musste sie in 36 Stunden schön und begehrenswert sein. Sie griff in die Schublade und holte sich ihren Kick; ein Blick auf ihr Postsparbuch. Sie hatte dafür bereits schon viele Männer kommen und vor allem wieder gehen sehen, aber ihr Geld blieb immer bei ihr. Mit deutlich mehr Schwung und ihrem Ziel vor Augen trottet sie in die kleine Küche, machte sich wieder eine heiße Schokolade. Eine seiner SMS kam herein, ein Morgengruß, geschrieben, wenn sie die Zeit richtig deutete gerade auf dem Weg in seine Kanzlei.

Die nächste Nacht verlief besser, ihre Professionalität half ihr sich zu konzentrieren und an die wichtigen Dinge des nächsten Tages zu denken. Ihre Frequenz an SMS für ihn nahm rapide ab, er würde damit umgehen können, er kannte es, er wusste was kam.

Vier Stunden bevor sie in der Lobby des Hotels auf ihr Treffen warten würde begann sie mit den Vorbereitungen. Sie checkte ob das Treffen noch stand, es Veränderungen gegeben hatte. Als blieb wie vereinbart. Sie duschte sich, machte ihren Körper einsatzbereit. Die weiße Spitzenunterwäsche von La Perla, dazu halterlose Strümpfe, ein Kundenwunsch. Businesskostüm und Perlenkette, auch ein Wunsch des Daters.

Sie sah sich im Spiegel an, die Lippen noch nachziehen und dann ging sie zur U-Bahn, eine alte Angewohnheit, denn sie hatte ihr Studententicket und konnte sich so die Bahn sparen. Geld für ihre Schublade voller Träume.

Zweimal umsteigen, dann hatte sie das Hotel erreicht. Bevor sie endgültig von Anna zu Clara wurde, tippte sie seine Nummer ein. Er ging sofort dran. Seine Frage ob es abgesagt worden sei, musste sie wie immer verneinen, dann sprachen sie noch miteinander und am Ende versprach sie ihm auf sich aufzupassen. Die nächsten Stunden würde er sich nicht melden, er tat es immer und er würde sich wohl auch immer an den Deal halten. Dafür würde sie sich melden, sobald es vorbei ist. Bei einer Verlängerung sendet sie statt einer SMS an die Agentur eine zweite Nachricht an ihn.

Anna betrat das Hotel, verständigte die Agentur über ihr eintreffen und Clara setze ihr schönstes Lächeln auf, nahm im kleinen Bistro des Hotels Platz und hoffte keiner der Angestellten würde sie auf Anhieb erkennen. In den letzten zwei Jahren hatte sie schon öfter hier gewartet.

Clara schloss die Augen, die Vorbereitung hatte sie abgeschlossen, nun müsste sie nur noch exekutieren. Sechs Stunden würde sie ein anderer Mensch sein, eine Verwandlung die sich lohnte, aber sie nicht glücklich machte.

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